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BeitragVerfasst: Fr 15. Jun 2007, 14:08 
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Registriert: Fr 1. Jun 2007, 14:20
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Wohnort: Sankt Augustin
Ein Brief, der an die Eltern ging, die sich bei einer Tagesmutter um einen Betreuungsplatz bewarben. Eine zusätzliche Kommentierung ist hier überflüssig.



An Frau und Herrn …



Betreff: Ihre Bewerbung um einen Betreuungsplatz für …

Sehr geehrte Frau … und Herr ...

Sie waren am ... zu einem ersten Termin bezüglich eines Betreuungsplatzes für Ihre Tochter … bei mir.

Schon im Vorstellungsgespräch vermittelten vor allem Sie, Herr …. mir das Gefühl, dass es sich um ein Bewerbungsgespräch von mir für die von Ihnen angebotene Stelle als Kinderfrau handle. Zur Richtigstellung möchte ich hiermit darauf hinweisen, dass ich als selbständige Tagespflegeperson Sie und Ihre Frau zu einem Bewerbungsgespräch für einen Betreuungsplatz geladen hatte.

Im ganzen Gespräch rückten Sie, Herr … vor allem die entstehenden Kosten, die Risiken, die Haftung der Tagesmutter, Versicherungsschutz ect. in den Vordergrund wodurch die Kontaktaufnahme und das Kennenlernen des Kindes und der Austausch, die Abstimmung und gegenseitige Information von Erziehungsstil und ~zielen deutlich zu kurz kamen.

Sie baten um die Vorlage von Referenzen, was ich nachvollziehen kann. Ich kenne diese Anfrage aus meiner jahrelangen Berufserfahrung und den schon zahlreich geführten Bewerbungsgesprächen. Normalerweise bitten die Eltern um Vorlage eines Nachweises meiner pädagogischen Ausbildung oder der Meldung beim Jugendamt. Doch Sie wollten Telefonnummern o. ä. von Eltern deren Kinder ich betreue/betreut habe.

Als positive Referenz für eine Tagesmutter kommen meines Erachtens vor allem die fundierte pädagogische Ausbildung, die Berufserfahrung, die positive Bewertung des Jugendamtes, die erweiterte Pflegeerlaubnis des Landesjugendamtes, die zahlreichen Betreuungsverhältnisse und vor allem der persönliche Eindruck in Betracht.

Die beste Referenz sollte das eigene Gefühl sein und die Tatsache ob sich das Kind bei der Tagespflegefamilie wohl fühlt.

Was nutzen die besten Zeugnisse, egal ob sie durch neutral bewertende Profis (Pädagogen, Amtspersonen oder Vorgesetzte) oder durch die subjektiven Eindrücke von Laien (abgebenden Eltern) geprägt und verfasst wurden wenn das Kind oder die Eltern mit dem Erziehungsstil oder auch der Persönlichkeit der Tagesmutter nicht klar kommen.

Trotz aller genannten Referenzen scheinen Sie aber doch meine Kompetenz als Mutter, Erzieherin und Tagespflegeperson anzuzweifeln. Oder warum sonst hatte ich den Eindruck, dass gewisse Ausflugsziele von vornherein verboten wurden aus Angst ich könne meiner Aufsichtspflicht nicht zu genüge nachkommen.

Als ich Ihnen klar vermittelt habe, dass ich meine Tätigkeit und alle damit verbundenen Einnahmen bei sämtlichen Behörden angemeldet habe und entsprechende Nachweise beim Finanzamt anführe haben Sie mir, wenn ich Sie da recht verstehe einen, wie Sie es nannten "Deal" vorgeschlagen: Denn wenn ich Sie hier richtig verstanden habe wollten Sie auf die von mir obligatorisch ausgestellte Quittung verzichten sollte ich Ihnen im Gegenzug bei der Höhe des Betreuungsgeldes entgegenkommen. Die Quittung bekommen Sie nicht nur damit Sie die Kosten steuermildernd geltend machen können (wenn die Betreuung in Ihre Arbeitszeit fällt) sondern auch damit ich einen Nachweis über die erzielten Einkünfte habe den ich beim Finanzamt einreiche.

Ich empfehle Ihnen, da Ihnen ja die von mir genannten Beiträge anscheinend als zu hoch erscheinen sich bei anderen Tagesmüttern über die Kosten zu informieren. Sie werden die Erfahrung machen, dass die meisten in diesem Beruf tätigen Frauen 1. nicht bereit dazu sind am freien Wochenende zu arbeiten 2. wesentlich höhere Stundenlöhne verlangen und 3. von vornherein "schwarz" arbeiten.

Ich kämpfe dafür, dass der Beruf der Tagesmutter gesellschaftlich und politisch anerkannt wird, das eine fundierte Ausbildung Voraussetzung für die Aufnahme dieser Tätigkeit wird und die "schwarzen Schafe" der Branche so aussortiert werden. Denn nur so können Eltern und Kinder beruhigt nach einer für sie optimal geeigneten Tagespflegeperson suchen.

Meine Betreuungssätze liegen weit unter den regionalen Preisen. Ich bin mir darüber im Klaren, dass ich durch meine Arbeit als Tagesmutter keine "goldene Nase" verdienen kann vor allem wenn man bedenkt, dass nur ca. ein viertel der von den Eltern aufgewendeten Kosten der Lohn für meine Arbeit sind. ¼ allein behalten Versicherungen und BFA als Pflichtbeiträge ein (deren Höhe sich übrigens nicht an den tatsächlichen Einnahmen der Tagesmutter orientieren), ein grosser Teil wird für Investitionen (Spielzeug, Bettwäsche, Hochstühle, Kinderbetten, Autositze, Kinderwagen ect.) eingesetzt da diese Dinge im Zuge meiner Tätigkeit einem bei weitem höheren Verschleiss unterliegen als bei einer "normalen Familie", Fortbildungen werden von diesem Geld bezahlt und in der Freizeit (also unbezahlt) besucht, Fachzeitschriften/Fachbücher sowie Beiträge zu Berufsverbänden müssen bestritten werden um eine stets qualifizierte Arbeit zu gewährleisten und nicht zuletzt essen und trinken die Tageskinder hier, sie verbrauchen Wasser, Strom und Heizung, ect..

Sie sehen also, dass sehr viel Idealismus und Freude an der Arbeit mit Kindern und Eltern dazugehört wenn man diese Tätigkeit ausübt.

Natürlich könnte ich auch die tatsächlich entstehenden Kosten auf die Betreuungsgelder umlegen was aber zur Folge hätte, dass meine Betreuungspauschalen auf das Doppelte steigen würden.

Ich möchte mich nicht beschweren, dass eine so verantwortungsvolle und anstrengende Arbeit nicht richtig entlohnt wird aber ich verlange von Eltern, Politikern und nicht zuletzt von allen Menschen eine Anerkennung meiner Arbeit und meines Engagements. Ich übe einen selbständigen Beruf aus auch wenn mir der ausserhäusliche Arbeitsplatz fehlt, ich befinde mich den abgebenden Eltern gegenüber in keinem Angestelltenverhältnis und möchte auch nicht als Dienstbotin betrachtet werden. Ich stehe nicht selbstverständlich zur Verfügung und gehe einer wichtigen und verantwortungsvollen Tätigkeit nach die leider in der Gesellschaft weniger Anerkennung erfährt als die Arbeit einer Putzfrau. Denn leider herrscht in den meisten Köpfen die Meinung vor, dass ich eigentlich für das bisschen Kinderaufpassen gar kein Geld verlangen dürfte, im Gegensatz zu einer Putzfrau, die im Übrigen das dreifache von mir verdient (ohne etwas davon abzuführen oder Nebenkosten durch ihre Tätigkeit abzudecken hat) denn diese Frauen würden ja wirklich hart arbeiten für Ihr Geld.

Ich frage mich, ist denn wirklich ein glänzendes Waschbecken und ein staubfreies Regal wichtiger als die Erziehung und Prägung und nicht zuletzt der liebevolle Umgang mit unseren Kindern?! Die Kinder sind unsere Zukunft und in sie sollten wir ein bisschen mehr investieren als in eine saubere Wohnung - auch finanziell.

Denn Qualität hat nun mal auch ihren Preis.

Leider musste ich während unseres Gespräches feststellen, dass unsere Meinungen darüber nicht übereinstimmen und Sie, Herr … einen komplett anderen Zugang zum Thema Tagespflege haben als ich.

Aus den in diesem Brief so zahlreich angeführten Gründen sehe ich mich ausser Stande Ihnen einen meiner Betreuungsplätze - in welcher Form auch immer - anzubieten.

Für Ihre weitere Suche nach einer passenden Betreuung für … wünsche ich Ihnen und vor allem Ihrer Frau alles Gute und verbleibe

mit freundlichem Gruss

(Die Autorin dieses Briefes möchte unerkannt bleiben.)


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