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BeitragVerfasst: Do 7. Jun 2007, 22:21 
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Registriert: Fr 1. Jun 2007, 14:20
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Wohnort: Sankt Augustin
Auszug aus einem Forumsbeitrag einer Tagesmutter (AD), gerichtet an eine Mutter, die offensichtlich ein großes Problem damit hatte, ihr Kind in fremde Obhut zu geben, die Gründe dafür aber ausschliesslich bei den Tagesmüttern und der heutigen Gesellschaft im Allgemeinen suchte.

.....

Du glaubst, dass du einen Anspruch hast, an diesen Staat vor allem. Du glaubst es ist dein "gutes Recht" (aufgrund deiner Ausbildung) das du trotz Kind arbeitest, das du lange genug zuhause gesessen und dein Kind versorgt hast. Dir fehlt was, Selbstbestätigung, Zeit für dich, wieder einige Stunden am Tag ein "eigenes Leben" ohne Kind.

Ich stell mir das so vor, du bist also in den letzten 21 Mon. Stets um dein Kind herum "getanzt", warst immer für ihn da, stets besorgt er könnte nicht genug zulegen.

Mit der Zeit bist du immer unzufriedener geworden, ja vielleicht zeitweise auch "sauer" auf dein Kind, weil du "wegen ihm" so leben "musst" und dein "eigenes" Leben eigentlich gar nicht mehr wirklich stattgefunden hat.

Man bietet dir jetzt, mit einem Arbeitsplatz, die Möglichkeit wenigstens stundenweise aus diesem "Käfig" auszubrechen.

Und das genau ist nun der Punkt, dich plagt das schlechte Gewissen, nicht mehr 24 Std. um dein Kind herum zu sein, ihm evtl. etwas wegzunehmen, ihm nicht mehr gerecht zu werden.
Das alles und evtl. noch eine Portion "Eifersucht" - auf die Tagesmutter die diese Zeit mit deinem Kind verbringt, dich evtl. schief ansehen könnte, die dein Kind evtl. auch lieb haben könnte - plagen dich so sehr das du um dich schlägst.
Auf diese Art versuchst du dein schlechtes Gewissen zu dämpfen und dich und deinen Wunsch nach etwas mehr Eigenleben vor andern und auch vor dir selbst zu rechtfertigen.

Liege ich falsch?
Ich glaube nicht!

Das ist das Resultat unserer Gesellschaft und es ist ein "Schwanz ohne Ende" solange wir - vor allem Frauen unter Frauen - daran nichts ändern.
In diesem Punkt hast du recht wenn du auf diesen Staat schimpfst - wenn du nach ihm rufst - denn der Staat sind wir alle und solange sich da in den Köpfen nicht endlich wirklich was bewegt, wird es für beide - für berufstätige Mütter und "Nur-Mütter" - beinahe unerträglich bleiben.

Mütter die zuhause bleiben und sich selbst um ihre Kinder kümmern werden von den einen verherrlicht "schau wie die sich kümmert", von den andern als "blöd, faul, ungebildet und offensichtlich geistig beschränkt" abgestempelt "die hat doch nix gelernt oder ist zu faul zum arbeiten oder ist abhängig von ihrem Mann" usw.

Mütter die berufstätig sind werden von den einen als Rabenmütter verachtet, als egoistisch abgestempelt, als zu faul um sich selbst um ihre Kinder zu kümmern oder von den andern bemitleidet "die muss sicher arbeiten gehen" usw.

Da zeigen Frauen auf Frauen, Mütter auf Mütter - da fällt es Politikern leicht es bei Lippenbekenntnissen zu belassen, schließlich zerfleischen wir uns ja schon selbst.

Wer da wirklich was ändern will sollte mal in der Geschichte buddeln und nicht 1935 stehen bleiben, sondern weiter zurück gehen.
"Frauenarbeit" war nicht immer "Frauenarbeit" und "Männerarbeit" nicht immer "Männerarbeit"!

Tagesmütter unterbrechen eigentlich diesen irrsinnigen, selbstquälerischen Kreis.
Sie selbst vereinen das eine mit dem andern, sie sind "erwerbstätig", kümmern sich aber oft auch gleichzeitig um ihre eigenen Kinder.
Sie ermöglichen andern Müttern wieder mehr Freiheiten für sich zu haben, wieder in ihrem erlernten Beruf zu arbeiten, zu studieren, eine Ausbildung zu beenden oder fehlendes Geld dazu zu verdienen.
Eigentlich sind sie so was wie ein "Puffer".
Sie (sollten) Verständnis für die Situation der Mütter haben, sie wollen den Müttern dies ermöglichen und gleichzeitig dabei helfen das es ihren Kindern in dieser Zeit gut geht und diese in dieser Zeit das Gefühl von Familie und "aufgehoben und geborgen sein" nicht vermissen.
Sie füllen eine Lücke und haben dabei doch m.E. den schlechtesten Stand.
Auch Tagesmütter wollen etwas für die Familienkasse tun - ich glaube da werden die wenigsten hier wiedersprechen - die Reichtümer gibt es dafür allerdings nicht.
Sie versuchen dies mit ihren eigenen Kindern unter einen Hut zu bringen, unterstützen so gleichzeitig andere Mütter.
Sie nehmen sehr lange Arbeitstage in kauf, sie nehmen in kauf das ihre Tätigkeit - IHR BERUF - schlecht angesehen ist, das sie für blöd und faul gehalten werden, für bequem und ungebildet.

All diese Vorurteile hatten sich auch unbemerkt in deinem Kopf regelrecht festgefressen.

Wie du im Forum lesen kannst haben die meisten Tamus tatsächlich aber eine sehr gute und teilweise hochqualifizierte Ausbildung, sie sind keineswegs dumm, faul, arbeitsscheu u.ä.

Sie werden allerdings für dumm gehalten, nämlich tatsächlich von dem von dir gescholtenen/kritisierten Staat - von der Gesellschaft, von den Politikern. Es werden ihnen Steine in den Weg gelegt, Erwartungen und Forderungen an sie gestellt, die kein Mensch erfüllen könnte.

Keine Reinigungskraft oder Küchenhilfe (die übrigens auch nicht selten gute Ausbildungen genossen haben) würde für 3,50 EURO die Stunde arbeiten. Der Ecklohn einer Reinigungskraft beträgt übrigens 7,94 EURO/Std. laut IG-Bau TV.

Eine Tagesmutter nimmt dir nichts weg, sie ermöglicht dir dein Leben so zu gestalten wie du es dir vorstellst, sie macht dir keinen Vorwurf, dass du dich nicht genug um dein Kind kümmerst o.ä., sie unterstützt dich.
Dass auch sie dafür eine "Anerkennung" haben möchte ist doch auch verständlich.
Die fällt aber unterm Strich geringer aus, als du wahrscheinlich bisher gedacht hast!?

Was du an deine Tamu zahlst ist BRUTTO, nur ein Bruchteil bleibt davon als "materielle" Anerkennung übrig.

Sicher wird jetzt auch manche Tamu aufschreien, aber es ist nicht nur die Liebe zu Kindern die eine Frau/Mutter bewegt den BERUF der Tamu auszuüben!?

Etwas soll auch finanziell hängen bleiben - auch wenn es umgerechnet auf die vielen Stunden in keinem wirklichen Verhältnis steht!?

Angesichts dessen das Tamus eine riesig klaffende Lücke in unserer Gesellschaft füllen - mit viel Einsatz, viel Idealismus, vielen Abstrichen - angesichts dessen finde ich es jedoch auch nicht richtig das in diesem Bereich von sogen. "schwarzen Schafen" gesprochen wird. Nicht das es OK ist sich um Abgaben zu drücken - aber könnte es nicht auch sein das diese Abgaben im Verhältnis zu dem was übrig bleibt nicht nur horrend hoch sind sondern auch von vielen "weißen Schafen" als ungerecht und geradezu als Schlag ins Gesicht empfunden werden?

Wenn ich lese das es JÄ gibt (weiß nicht ob das alle machen) die eben NICHT zahlen wenn das Kind oder die Tamu krank ist u.ä. - frage ich mich welcher "normale" AN das so hinnehmen würde.
Wieso setzt sich in solchen Fällen das JA bzw. geltendes Recht über geltendes Recht - Lohnfortzahlungsgesetz - hinweg?

Es gibt noch viel zu ändern und da sollten sich die, die sich eigentlich doch gegenseitig dabei unterstützen (sollten u. wollen) ihre Wünsche, ihre Lebenspläne zu erfüllen, doch nicht gegenseitig klein und nieder machen - sondern Hand in Hand arbeiten.

Ach und noch was, kurz zu mir - ich bin jetzt 39 J. alt, habe 4 große Kinder, habe vor vielen Jahren mal als Tamu gearbeitet (hatte Glück mit den Eltern und mit dem Kind), in den Jahren danach (als meine dann in Schule und Kiga waren) hab ich versch. Jobs gemacht (von putzen, über Haushalt führen bis hin zur Verkaufshilfe usw.), habe auch einen Beruf erlernt den ich sehr liebe (auch darin hab ich zwischendrin stundenweise gearbeitet), zuletzt habe ich meinen sterbenden Vater gepflegt und begleitet.
Seit er gestorben ist bin ich zuhause, bin nicht erwerbstätig, ordne mich gerade selbst neu, hatte auch schon angedacht als Tamu zu arbeiten (was aber wohl eher nichts für mich ist, bei aller Liebe zu Kindern).
Ich gehöre also eigentlich weder zur "einen Seite" (abgebende Mütter) noch zur "anderen Seite" (Tamus) - ich sehe das alles eher von außen.
Mir liegt es fern die eine oder andere Seite schlecht zu machen und ich habe auch persönlich nichts davon die eine oder andere Seite zu "verteidigen".
Ich für meinen Teil sehe dieses Problem eben eher gesellschaftlich verursacht und von Politikern (die ja unser aller Vertreter sein sollen *hahaha) gern ignoriert, weil eine Lösung ja teuer und unangenehm wäre.

Würden Familien wirklich so gestellt das sie die WIRKLICHE Wahl hätten - ob nun beide erwerbstätig sind oder sich einer ausschließlich um die Kinder kümmert - gäb es so manches Problem und vor allem so manches schlechte Gewissen nicht.
Würden Familien endlich tatsächlich als das angesehen was sie sind - und in Wahljahren gern dargestellt werden - nämlich die tatsächliche Keimzelle der Gesellschaft, hätten weniger Mütter solche Gewissensnot das sie nur noch um sich schlagen um sich zu rechtfertigen.
Ja sie müssten nichts mehr rechtfertigen.
Leider aber muss man in diesem Land ja (fast) alles rechtfertigen
- warum man Kinder hat
- warum man keine Kinder hat
- warum man viele Kinder hat
- warum man Kinder hat und trotzdem erwerbstätig sein will
- warum man KEINE Markenklamotten hat
- warum man nicht das dickste Auto fährt
und und und

Armes Land - arme Familien - arme Kinder
Ob unsere Enkel dieses Wunder endlich vollbringen oder erleben dürfen?

LG

Gabriele


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